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Wolja Infoladen: Hausbesetzung in Jena

Am 6.12. wurde in der Neugasse 17 in Jena ein Haus besetzt. Unsere Initiative solidarisiert sich mit der Hausbesetzung. http://wolja.noblogs.org/

Liebe Wolja,

mit eurer Aktion, den Ideen der Ausgestaltung und dem Anliegen sprecht Ihr uns aus der Seele. Wir sind solidarisch!

„Wir besetzen ein Haus und erzeugen einen kleinen Riss im normalen und normierten Gefüge der kapitalistischen Verwertung gesellschaftlichen Eigentums.“

Es braucht Mut in dieser Gesellschaft aufzustehen und bestehende Verhältnisse zu kritisieren. Ihr habt ihn bewiesen. Die Logik der vorherrschenden Ordnung ist eine unmenschliche Frage die eine radikale Antwort braucht. Eine praktische Antwort. Jeden Tag und überall. Wir hoffen, dass ihr lange bleibt. Lasst euch nicht einschüchtern. Teilt uns mit, wenn ihr länger bleibt, dann werden wir sicherlich vorbeischauen und ggf. mitbringen, was ihr am dringensten braucht!

Mit solidarischen Grüßen

die ehemaligen Besetzer_innen der Langen17 in Ilmenau

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Lange 17 in der neusten Akrützel-Ausgabe

Unsere Hausbesetzung hat nicht nur in Ilmenau für Schlagzeilen gesorgt. Thüringens einziges unabhängiges Hochschulmagazin berichtet auch und zeigt, dass die Probleme hier, mit denen Jenas und anderswo, zu vergleichbar sind. In der heute veröffentlichten Ausgabe des „Akrützel“ erschien der folgende Artikel von Sarah Salzmann auf Seite 17. Es werden zudem einige Bauprojekte in Jena thematisiert die sozialen Freiraum verdrängen. Hier und nur für euch der Downloadlink zur aktuellen Ausgabe.

WO KAPITALISMUS KEINE ROLLE SPIELT –

ILMENAUER INITIATIVE FORDERT FREIRAUM

Nicht nur in Jena gibt es Konflikte zwischen dem, was die Stadt für richtig hält, und dem, was die Bevölkerung fordert. Der Mangel an soziokulturellem Raum ist ein Problem, das sich auch an anderen Hochschulstandorten bemerkbar macht. In Ilmenau kam es deshalb zur Besetzung eines Hauses.
Nur achteinhalb Stunden dauerte die Aktion, die am 19. Oktober für Aufsehen sorgte. Knapp ein Dutzend Menschen bezog das Haus in der Langewiesener Straße 17 und hielt die Stellung bis die Demonstration um 17:30 Uhr aufgelöst wurde. Mit dem Hinweis, dass das Haus offiziell baupolizeilich gesperrt und wegen Schwamm im Baugerüst einsturzgefährdet sei, wurden die InitiatorInnen des Hauses verwiesen. Ein schriftlich zugesichertes Verhandlungsangebot von Seiten der Stadt und der Tipp, dass um die Ecke bereits zehn Streifenwagen des SEKs warten würden, überzeugten die BesetzerInnen davon, das Haus friedlich zu verlassen. Von einer Strafverfolgung wurde daraufhin abgesehen.
Doch was hat diese kurzlebige Aktion letztlich bewirkt? „Eine ganze Menge“, meint Martin, Mitbegründer der Initiative Lange 17 und Student der angewandten Medienwissenschaften an der TU Ilmenau. „Wir haben ein Bewusstsein geschaffen“, sagt er, darüber, dass es Ilmenau an sozialem Wohn- und selbstverwaltetem Freiraum mangelt. „Das gilt für Musik- oder Theatergruppen, kein unkommerzielles Projekt hat hier die Möglichkeit, etwas zu tun. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass es immer mehr an Wohnraum fehlt, für die, die es sich sowieso kaum leisten können“, sagt Martin. Verantwortlich dafür macht er die Gentrifizierung und spricht damit ein Problem an, das sich nicht nur in Ilmenau finden lässt. Wo sich ein gesellschaftlicher Lebensmittelpunkt befindet, steigt die Nachfrage – und somit die Mieten. Dadurch entsteht ein soziales Ungleichgewicht. „An der Stelle müsste die Stadt eingreifen und sich sozial ausgewogen organisieren, was jedoch nicht gemacht wird. Also verdrängen die, die es sich leisten können, jene, die es nicht können“, erklärt Martin. Da vor allem Hochschulstädte als Zentren des sozialen Lebens gelten, kommt es dazu, dass sich manche das Wohnen dort nicht leisten können und daher auf das Studium verzichten. „Es sind alternative Systeme nötig. Aber am Ende geht es immer darum, Geld zu verdienen“, meint Martin.
Gerade Ilmenau als angesehener Wissenschaftsstandort legt Wert auf ein gepflegtes Image. Zahlreiche innerstädtische Bauprojekte wie ein gläserner Bürokomplex am Bahnhof oder eine moderne Fußgängerbrücke als Alternative zur heruntergekommenen Bahnsteigunterführung verdrängen die Subkultur aus dem Stadtbild. Eine bunt besprühte Baracke, die lokalen Bands jahrelang als alternativer Proben- und Partyraum diente, wurde durch ein Vereinshaus ersetzt. Hinzu kommt Baumagnat Marek Schramm, der die Stadt mit immer neuen Großbaustellen übersät, die keinen Platz für erschwinglichen Wohnraum lassen. Vielen Studierenden bleibt nichts anderes übrig, als in die Wohngebiete außerhalb des Stadtzentrums zu ziehen.
Mit der Hausbesetzung wollte man auf dieses Problem aufmerksam machen und die Stadt zum Handeln bewegen. Immerhin ließen sich Bürgermeister Kay Tischer und Vertreter der Stadt auf ein Verhandlungsgespräch mit den BesetzerInnen ein und stimmten zu, die Initiative bei der Kontaktaufnahme mit HauseigentümerInnen zu unterstützen – allerdings nur, wenn diese der Vermittlung zustimmen. „Man merkt, dass die Stadt kein Interesse an unseren Forderungen hat, ihre Machtposition konsequent ausspielt und auf Verzögerung baut“, bemängelt Martin. Man habe Angst davor, dass sogenannte ‚Hausbesetzertouristen‘ nach Ilmenau kommen und dadurch vermehrte Konfrontationen mit der Polizei an der Tagesordnung stünden.
Auch wenn sich die Stadt nur geringfügig kooperativ zeigt, aufgeben werden Martin und seine MitstreiterInnen nicht. „Es ist moralisch richtig, was wir getan haben, nur war es gesetzlich falsch. Auch wenn wir nicht in dem Haus wohnen, haben wir es geschafft, dass die Aktion innerhalb der Ilmenauer Gesellschaft breit diskutiert wurde.“
Solidarität erfuhr die Initiative auch aus kommunalpolitischen Kreisen wie von der Linken, den Jusos und den Grünen. Auch im Stura der FSU wurde ein offizieller Antrag zur Solidarisierung mit den BesetzerInnen gestellt, der aber noch eines Beschlusses bedarf.
Die InitiatorInnen sind sich darüber im Klaren, dass die Chancen gering sind, doch noch EigentümerInnen zu finden, die ihre Objekte zur Verfügung stellen. „Wir könnten natürlich noch mal ein Haus besetzen, aber ob wir dann erneut Verhandlungen bekämen, ist fraglich“, sagt Martin und verweist darauf, dass Ilmenau nur eine kleine Stadt ist und sich die Zahl der UnterstützerInnen in einem überschaubaren Rahmen hält.
„Ich kann zwar immer weiter aufstacheln, aber am Ende verbrenne ich mir die Finger. Hinzukommt, dass ich das nur nebenher mache.“ Ihren Traum wird die Initiative Lange 17 dennoch nicht aufgeben: einen Freiraum zu schaffen, wo der Kapitalismus keine Rolle spielt.

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soziale Ausgrenzung ist kein Ilmenauer Phänomen

Ilmenau ist ein Hochschulstandort, Arbeitsplatz und ein kulturelles Zentrum im Thüringer Wald. Viele Menschen kommen zum Arbeiten, zur Ausbildung, zum Studieren, kurzum zum Leben nach Ilmenau. In den Großstädten steigen die Mieten stetig und auch in Ilmenau gibt es mittlerweile die höchsten Bodenpreise des gesamten Ilm-Kreises. Parallel steigen die Betriebskosten jährlich an. Gleichzeitig werden soziale Hilfen und die kleinen Gehälter langsam von der Inflation aufgebraucht. Nicht wenige der kleinen Leute geben schon jetzt 50% ihres Monatseinkommen für die eigenen vier Wände aus.

Der Mangel an bezahlbaren Räumlichkeiten wirkt sich auch auf viele soziale Projekte aus. Unkommerzielle Projekte spielen kein Geld ein, welches reichen würde um die nötige Miete zu bezahlen und sind nicht so lukrativ wie bspw. Oberklassewohnungen. Studentenwerk Thüringen, Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) und Ilmenauer Wohnungsgesellschaft (IWG) sind nicht in der Lage neuen Wohnraum zu schaffen. Bürgermeister und Oberbürgermeister halten sich selbst nicht für zuständig.

Wir haben ein anderes Gebäude in Ilmenau in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion angefangen zu renovieren, um zu zeigen, dass auch Ilmenau ein Wohnungsproblem für Menschen ohne starken finanziellen Hintergrund hat. Die Solidarität quer durch die Stadtgesellschaft unterstrich diese Wahrnehmung. Es fehlt an sozialem Wohnraum in einer Preislage die nicht mehr profitabel ist. Nur noch finanzstarke Investoren wie Marek Schramm, Wolf&Fabig u.a. können noch Wohnungen bauen, die sich wieder nur Studierende mit reichen Eltern oder gutgestellte Arbeitnehmer_innen leisten können. Diese Wohnungen sind auch oft von schlechter Qualität, d.h. schlecht gedämmt, schimmeln und sind überteuert. Immer darauf ausgerichtet schnell viel Geld zu verdienen.

Die Verdrängung oder Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsschichten nimmt zusätzlich negativ Einfluss auf die Bildungsmöglichkeiten von Arbeiter_innenkinder. Sie werden vom Studieren zunehmend u.a. dadurch ausgeschlossen. Das BAföG sieht eine Wohnpauschale von 224€ vor, die jedoch nicht an die Situationen in den Hochschulstädten angepasst wird. Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch in Ilmenau bei den letzten Studierenden die Wohnkosten die Pauschale übersteigt. Der restliche Grundbedarf orientiert sich nicht an den steigenden Fahrtkosten, Verpflegungskosten, Semesterbeiträgen, uvm.

Das Problem ist flächendeckend. Der Prozess der Verdrängung der Menschen mit kleinen Einkommen ist kein neues Symptom Ilmenaus. In vielen anderen Städten wie Jena oder Berlin geht es ähnlich zu. Es ist ein strukturelles bzw. systematisches Problem, dass auf das fehlende Eingreifen der Politiker_innen in den entfesselten kapitalistischen Wohnungsmarkt zurückgeht. Das Gewinnen einiger Weniger wird auf dem Rücken der breiten Gesellschaft ausgetragen.

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